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19. Juni 2026

KEINE ANGST VOR AGGRESSION

Aggressives Verhalten beim Hund schreckt viele Menschen ab. Aber was ist Aggression und wozu dient sie?

Ist ein Hund, der aggressives Verhalten zeigt, automatisch ein böser Hund mit schlechter Sozialisierung – oder sogar einer, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte?

urheberrechtlich geschützt - Kathrin Massonne

Aggression ist ein Normalverhalten unserer Hunde

Natürlich gibt es im Bereich des Aggressionsverhaltens auch unerwünschte Nuancen. Verhalten, das gefährlich werden und sich bis zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen entwickeln kann.

Jedoch nüchtern betrachtet – lange bevor Aggressionsverhalten zu einem Problem wird – ist es in allererster Linie als Normalverhalten unserer Hunde zu betrachten. Aggressives Verhalten dient nämlich der Kommunikation. Dies gilt sowohl für die Kommunikation mit der eigenen Art (intraspezifisch) als auch mit Artfremden (interspezifisch), wie uns Menschen oder anderen Tieren.

Die 4 F – Mögliche Stressreaktionen

Ist eine Situation für unsere Hunde überfordernd, beängstigend oder gar bedrohlich, verfügen sie über grundlegende Überlebensstrategien und Stressreaktionen, um die jeweilige Situation zu bewältigen. Man spricht hier von den „4 F“:

  • FIGHT – Angriff / Kampf (oft mit dem Ziel der Distanzvergrößerung)
  • FLIGHT – Flucht
  • FREEZE – Einfrieren / Erstarren
  • FIDDLE ABOUT oder FLIRT – Herumalbern / Beschwichtigungs- und Deeskalationsstrategie

Welche Strategie in welcher Intensität der Hund wählt, ist dabei stark abhängig von der jeweiligen Situation. Der Hund kann dynamisch zwischen den zur Verfügung stehenden Strategien und Intensitäten wechseln.

Kommunikation aufgrund spezifischer Motivation

Was veranlasst unsere Hunde nun aber genau, in bestimmten Situationen Aggressionsverhalten zu zeigen – also die Strategie FIGHT zu wählen? Dahinter können ganz unterschiedliche Motivationen stecken.

Es gibt weit mehr Aggressionsformen, hier ist jedoch ein kleiner, beispielhafter Auszug zur Veranschaulichung:

  • Ressourcenbedingte Aggression: Futter, Beute, Liegeplätze usw. Wenn dem Hund etwas besonders wichtig ist, er es für sich beansprucht und keinesfalls verlieren möchte, signalisiert er: „Halte Abstand, das ist meins!“
  • Sozial motivierte Aggression: Bei dieser Form zeigt der Hund das Verhalten nur in Verbindung mit seinem Sozialpartner. Er bellt beispielsweise bei Fremdhundbegegnungen an der Leine, die der Besitzer hält – zeigt dieses Verhalten jedoch nicht, wenn er angebunden ist und sein Besitzer sich entfernt hat.
  • Territoriale Aggression: Wenn der Postbote klingelt oder der Nachbar am Gartenzaun auftaucht.
    Eindringlinge sollen abgewehrt und aus dem eigenen Territorium ferngehalten werden.
  • Erlernte Aggression: Fühlt sich der Hund bei einer Begegnung unwohl und möchte Abstand, zeigt er aggressives Verhalten zur Distanzvergrößerung. Weicht das Gegenüber daraufhin zurück, macht der Hund die Lernerfahrung, dass sein Verhalten erfolgreich war. Dass er dieses für ihn lohnenswerte Verhalten in Zukunft öfter zeigt, ist die logische Konsequenz.

Was drauf steht, ist auch meistens drin

Wie intensiv ein Verhalten letztendlich gezeigt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Genetik: Durch züchterische Selektion hat der Mensch über Jahrhunderte bestimmte Eigenschaften des Hundes gefördert, andere in den Hintergrund rücken lassen: Bei Rassen wie Schäferhunden, egal ob der Deutsche oder Malinois ist uns meist völlig klar, dass sie Territorium und Mensch instinktiv schützen. Bei einem Weimaraner (Jagdhund) oder einem Australian Shepherd (Hütehund) sind wir jedoch oft überrascht - obwohl diese Rassen neben der Jagd, beziehungsweise der Arbeit am Vieh eben auch den Job inne hatten, Haus und Hof zu bewachen. Dass dies heute meist nicht mehr im Sinne des Halters ist, lässt sich der Genetik nicht so einfach vorschreiben, denn sie ist tief verankert.
  • Epigenetik: Lernerfahrungen der Vorfahren können über die DNA weitervererbt werden. Dabei handelt es sich nicht um konkretes Wissen, sondern vielmehr um die Übertragung chemischer Marker auf die DNA. War zum Beispiel eines der Elterntiere dauerhaft einer hohen Stressbelastung ausgesetzt, kann es sein, dass auch der Nachkomme die Veranlagung trägt, schneller eine höhere Menge an Stresshormonen auszuschütten.
  • Lernerfahrungen: Auch wenn Lernerfahrungen die Genetik und Epigenetik nicht einfach ausradieren können, sind sie ein wichtiges Tool, das wir uns in der Erziehung und im Training zunutze machen sollten. Denn Lernen findet immer statt - bewusst oder unbewusst, ob wir wollen oder nicht.

Kommunikation will gehört werden

Aggressionsverhalten ist also nichts, wovor du Angst haben musst. Es ist eine Kommunikationsform deines Hundes. Wichtig ist der korrekte Umgang mit dieser Kommunikation. Denn jeder von uns hat doch schon einmal die Erfahrung gemacht, wie frustrierend es ist, wenn man kein Gehör geschenkt bekommt. Also schau und hör hin, was dein Hund dir sagen möchte.

Und falls ihr doch mal eine Dolmetscherin benötigt, weil ihr auf unterschiedlichen Frequenzen funkt, dann unterstütze ich dich gerne dabei. Am besten natürlich, noch bevor das Verhalten zum Problem wird.

Damit du und dein Hund ganz bald wieder dieselbe Sprache sprecht.

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